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"Gemeinsam - so verschieden"

Eine Ausstellung braucht einen Anlass, und sie braucht einen Titel. Der Anlass dieser Ausstellung ist, dass die Künstlerinnen und Künstler, die an ihr beteiligt sind, in den vergangenen 15 Jahren vielfältige gemeinsame Ausstellungen zu unterschiedlichen Themen durchgeführt haben, allemal gesellschaftlichen Themen gewidmet, und auf diese Spanne heute zurückblicken. Das reicht von der Denkmalaktion für die "Göttinger Sieben" (1987) über inhaltliche Ausstellungen zum 200. Jahrestag der Französischen Revolution (1989), Rauminstallationen in einem 1932 erbauten Haus (1992), eine "Annäherung" an eine Lagerhalle in Hannover (1994), einer kritischen Auseinandersetzung mit der "Weltmacht D" (1995) über Ausstellungen zur "Fremdheit des Anderen" (1995), den "Umgang mit Menschen" (1996), eine Ausstellung in der Stadtsparkasse Hannover über "Kunst-Geld" (1997) bis hin zu einer Postkartenedition, gestaltet im Jahr der Weltausstellung 2000. "Gemeinsam - so verschieden" ist für das neueste Projekt dabei eine überraschend unprogrammatische Ankündigung; vielleicht könnte man einfach sagen, es wäre mal wieder eine gemeinsame Ausstellung der Künstlerinnen und Künstler in ihrer Stadt fällig gewesen. Und das ist ja, nach so viel programmatischer Arbeit über die Jahre, Anlass genug, sich gemeinsam zusammenzufinden.

Ergebnisse einer fünfzehnjährigen Zusammenarbeit in Form von Werkgruppen einzelner Künstler stellen sich vor. Der Ort ist spektakulär und besonders, es ist die Orangerie in Hannovers Herrenhäuser Schlossanlage, ein voluminöser Raum, der früher der winterlichen Beherbergung von zarten Pflänzchen ausländischer Wachstumsregionen diente. Nun ist in diesem kühlen Frühjahr hier die Kunstproduktion von elf Künstlerinnen und Künstlern zu sehen, die in dieser Stadt leben und arbeiten, und die hier immer wieder um ihre Anerkennung als bildende Künstler ringen müssen.

Wie viel Mühe fünfzehn Jahre mit immer wieder gemeinsamen Unternehmungen gemacht haben, wie viel Mühe die Initiative kostet, sich Orte zu schaffen, von denen aus man in die Stadt, in der man lebt und für die man arbeitet, hinein wirksam werden kann, davon können die Künstler sicher selber am besten erzählen. Aber ein Moment des Innehaltens wie in der Ausstellung dieses Jahres ist sicherlich keine Absage an ein gesellschaftliches Engagement, an eine Art von Nachweis für die Notwendigkeit bildender Kunst im gesellschaftlichen Diskurs. Vielleicht ziehen die Künstlerinnen und Künstler sich nur deshalb für einen Moment auf sich selbst zurück, um das Erreichte zu überprüfen, um sich selber zu Anfang dieses Jahrhunderts Rechenschaft abzulegen über das Erreichte.

Wandern wir, noch im Stadium der Planung und angesichts eines Planes für die Installation, im Geiste durch die Ausstellung, so erwartet uns an einem Ende der großen Halle ein Skulpturenwald von kleinen Bronzen von Siegfried Neuenhausen. "Stücke vom Menschen" hat der Künstler eine seiner Ausstellungen benannt, und die eigenartigen Herren mit Hut und Trenchcoat, mit und ohne Kopf, Menschen unterschiedlicher Größe und auch die gelegentlichen Damen in diesem Ensemble sind seltsam entpersönlicht, allgemein gültige Figuren menschlicher Befindlichkeit in dieser Gesellschaft. Wandern wir weiter, treffen wir auf den Pavillon, auf dessen Außenseite die großen malerisch-gestischen Arbeiten von Georgus lakonisch Zeichen in den Raum setzen. Schreiben, Malen als grundsätzliche Tätigkeit, als Verweigern von Abbildung geht von diesen Arbeiten aus. Innerhalb des kleinen Pavillons zeigt Susanne Maaß Fotografien der Ergebnisse einer Aktion, die auf folgender Aufforderung fußte: "Suche in deiner Wohnung ein Objekt gleicher Farbe und lege die Farbkarte daneben. Mache ein Foto und schicke es dem 'Blatt'. Überprüfe eine halbes Jahr lang die Farbähnlichkeit. Suche ein neues Objekt, wenn sich eine Farbe verändert hat." 40 Fotografien zu dieser Aufforderung einer Farbuntersuchung im Eigenheim werden gemeinsam mit monochromen roten Enkaustikarbeiten auf Papier im gleichen Format vorgestellt.

 Raumgreifend die erste Gruppe einer großen Arbeit von Almut und H. J. Breuste: "Europa endlos - this is the time. (Trauer hat 100 Gesichter)". 24 Gummistelen, jeweils etwa 2,50 bis 2,80 m hoch, markieren Positionen im Raum und greifen in einer langen Diagonale in die Halle ein. Sie vergegenwärtigen Orte und Zeiten, die einander über die Zeit und die Orte entgegen stehen. Hiroshima erinnert der Künstler ebenso wie die heutige Zeit in einem kriegerisch gewordenen Europa. Der Weg führt weiter zu Leo Hüskes "Schattenarena", einem 10-teiligen Bilderobjekt, das zu einem großen einsichtigen Ensemble zusammengestellt wird, in den sich der Betrachter wie in einen Bilderraum hinein begeben kann. Von außen wird der Einzelbetrachter Teil dieser Installation, von innen die übrige Welt zum Nebenschauplatz für die interagierenden Figuren und Personengruppen.

Leiv Warren Donnans "Human Figure Emotion" zeigt neun großformatige Tafeln in verschiedenen Griffen und Bewegungsabläufen von Sumokämpfern. Menschliche Aktion, auf wenige Situationen reduziert, als Paradigma für menschliches Handeln überhaupt. Zwei bekämpfen sich nach vorgegebenen Regeln, setzen sich einander entgegen, kämpfen um ein erreichbares Ziel. Von hier aus geht es vorbei am zentralen Pavillon, einem Labyrinth, in dem Programmatisches und Persönliches der einzelnen Künstler kumuliert sich findet.

Karl Schapers Bilderwand zeichnet den Horizont eines ganzen Künstlerlebens in Arbeiten von 1951 bis 1999. Ein frühes Selbstbildnis (1951) neben dem Porträt der Großmutter aus dem gleichen Jahr, der "Unerzogene Sohn" vom Anfang der 1970er Jahre, zwei Masken von 1980 neben dem "Laokoon in der Kleinstadt", in dem sich der kämpferische Künstler Schaper mit der damals engstirnigen Kulturpolitik der Stadt Wolfenbüttel auseinander setzt. Die "Braunschweiger Freunde", ein Holzbrief von 1999, ist Schapers jüngster Beitrag zum Thema Köpfe. Dieses eine kritische Auseinandersetzung mit lokalen Größen und Symbolgestalten der Stadt Braunschweig, und ebenso mit der lokalpatriotischen Posse des Jahres 1999, als "die Zeitung aus lokalpatriotischen Gründen jeden auch noch so kleinen Erfolg von Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft über Gebühr aufwertete".

Jürgen Schneyders "Don Quichotte Design" umfasst bis heute mehr als 60 Objekte, die mit einer spielerischen historischen Anmutung daherkommen. Sie sehen aus wie die kostbaren Geräte, die in den Schatz- und Wunderkammern der Vergangenheit zusammengetragen wurden, die Geräte, die der Beobachtung der Gestirne oder der Erforschung der Welt dienten. Konzeptuell das Herangehen von Dierk Haase. In "Mit sich eins" und "Mit sich zwei" geht es um Sehrichtungen und formale Konstruktionen komponierter Fotografien auf der Fläche. Die jeweils sechs mal gleiche Figur schaut in der einen Fassung nach innen, in der zweiten nach außen. Alle sechs einzelnen Elemente beschreiben jeweils ein symbolisches Oval in der Fläche der Gesamtbildkomposition. Blicke nach innen und Blicke nach außen mögen stehen für die Introspektion und den Blick nach außen, verweigert jedoch durch die angedeutete gesenkte Kopfhaltung. Kontemplation und Sammlung werden hier zum Thema.

Jan Eeckhouts Malerei lebt in dialogischen Kompositionsstrategien. Diptychen und Triptychen, also in jedem Fall mehrteilige Bilder, stellen uns Zitate aus der Illustrierten- und Werbewelt, aus Kunstmagazinen und Landschaftserfahrung zur Seh-Verfügung. Die komponierten Bilder und ihre ironisch dazu gegebenen Titel ("3 Studien zur Melancholie", "BONG", "Versuch über die Hoffnung") sprechen von einer aufklärerischen Herangehensweise an das zitierte und veränderte Bildmaterial.

Der imaginäre Gang durch den Ausstellungsraum schließt an diesem Punkt. Auf dem Plan am Ende des Raumes angekommen, sehe ich, dass der Durchgang zur Bar direkt vor mir liegt. Warum treffen wir uns hier nicht auf ein Glas und reden über das, was zu sehen ist?

Ulrich Krempel