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Anmerkungen zur Grafik-Kassette Lessing kam bis Wolfenbüttel.

 Die argekunst hat schon mehrfach Mappen bzw. Kassetten herausgegeben:
1989 eine Mappe zum 200ten Jahrestag der französischen Revolution,
1995 Kassette zur Vortragsreihe "Weltmacht Deutschland" und
1996 Kassette "Über den Umgang mit Menschen" zum 200ten Todestag von Adolph Freiherr von Knigge.
Daran schließt sich jetzt die Kassette zum 275ten Geburtstag von Gotthold Ephraim Lessing an: Es ist der Versuch den Aufklärer Lessing in diesen Zeiten fragmentierter Öffentlichkeiten wenigstens kulturell Interessierten noch einmal in Erinnerung zu rufen. Moses Mendelssohn bemerkte seinerzeit, die Worte Aufklärung, Kultur und Bildung seien noch neu und der Allgemeinheit kaum verständlich. Heute, in Zeiten allgemeiner Bohlenisierung, wird in der Waren- und Werbeöffentlichkeit immer deutlicher, dass die Sache selbst vielleicht schon obsolet ist.
"Über Lessing müssen Sie mich nichts fragen. Das war vor meiner Zeit!"
                                                                        
(Antwort im Fernsehquiz)
Zum Strukturwandel von Öffentlichkeit hat uns Ernst Gottfried Mahrenholz dankenswerter Weise seinen Aufsatz "Phänomene der Öffentlichkeit" zum Abdruck zur Verfügung gestellt. Dieser ist auch Teil der Kassette.
Öffentlichkeit ist auch ein zentrales Stichwort, das das Hauptanliegen der argekunst trifft: Zum einen indem versucht wird sich mit Mitteln der bildenden Kunst in öffentliche Angelegenheiten einzumischen, und zum anderen in dem Bestreben dafür öffentliches Interesse zu gewinnen.
Die argekunst ist kein Verein, - sie ist als Institution eigentlich nicht existent -, sondern eher nur ein Kreis von Leuten, die sich lange kennen und sich gelegentlich zu gemeinsamen künstlerischen Unternehmungen zusammenfinden. Dementsprechend sind die in der Kassette versammelten Blätter nicht nur inhaltlich auf sehr unterschiedliche Aspekte von Lessings  Leben und Werk bezogen, sondern auch künstlerisch ganz individuell gestaltet, weil das jeder selbst verantwortet. Es ist auf diese Weise sozusagen ein gemeinsames  Bildergespräch entstanden.
Es finden sich in der Kassette vor allem Digitaldrucke, die heute die herkömmlichen Sieb- und Offsetdrucke ersetzen, aber auch Originale und Originalgrafiken. So hat Georgus Aquarelle gemalt, die anders als seine bekannten, sehr reduzierten Arbeiten nicht allein als bedeutungsfreie ästhetische Objekte auf sich selbst verweisen, sondern in diesem Fall diskrete inhaltliche Hinweise auf Lessings  Fabel "Das Roß und der Stier" enthalten.
Karl Schaper hat hingegen ganz aus Text ein Bild gemacht. Er fragt in diesem Text auf seinem Prägedruck, - indem er so tut, als ob man das heute nicht mehr wüßte, warum denn bloß die jungen Leute damals nur wegen überspitzter Ehrbegriffe so viel Umstände machen mussten, - so dass Lessing schließlich gezwungen war 5 Akte darüber zu schreiben. Das Blatt spricht also für sich.
Susanne Maaß kombiniert in ihrem Beitrag "1.Hilfe für Laokoon" ein Foto der Laokoongruppe als Digitaldruck mit einem zusammen gefalteten roten Dreieckstuch und einer Erste Hilfe Anweisung, wie dieses vor allem bei Armverletzungen zu verwenden sei. Das Foto zeigt den Apollopriester mit dem wieder entdeckten angewinkelten rechten Armtorso, der nun nicht mehr, wie in der bisher bekannten Replik, heroisch in die Höhe greift. Alle drei Figuren, auch die Söhne, haben nun einen verletzten rechten Arm.  Warum ist das Tuch wohl rot?!
In ähnlicher Weise kombinieren Almut und H.J.Breuste in ihrer Arbeit "Introduction"  ein blutrot beflecktes Stück Leintuch mit einem auf Folie hart kopierten Schwarzweißfoto einer verzweifelten und trauernden Person, bei der ein Kind Schutz sucht, und einem kurzen Lessingtext, der sich auf den tragischen Verlust von Sohn und Frau im Kindbett  bezieht: "Ich wollte es einmal so gut haben wie andere Menschen. Aber es ist mir schlecht bekommen."
Auch Dierk Haase bezieht sich auf Lessings persönliches Schicksal. Alle drei seiner Digitaldrucke zeigen, vor einem jeweils anderen Hintergrund, Tagebucheintragungen in einem aufgeschlagenen Filofax-Kalender ;
-  übrigens eine der vielen Erfindungen von Gottfried Wilhelm Leibniz. Die kostenlose Belieferung mit diesem, damals sehr teuren Leibnitz-Patent-Calender  gehörte, zusammen mit dem jährlich neuen Kalendersatz, zum Deputat des Wolfenbütteler Hofbibliothekars, so dass Lessing wohl auch einen solchen Kalender, der erst im 20.Jh.als Filofax wieder entdeckt wurde, benutzt haben mag. Das mit der Leibnizschen Patentkalender-Erfindung stimmt natürlich nicht, - oder doch ? Jedenfalls hat der Künstler sich das so gedacht. Er brauchte einen Kalender für Lessings Eintragungen.
Das erste Blatt zeigt im Hintergrund eine zeitgenössische Landkarte, in die Lessings Reiserouten auf der Suche nach Arbeit eingetragen sind. "Lessings Wege um Lohn und Brot".  Dementsprechend hat Dierk Haase auch den Titel zur Kassette beigesteuert: "Lessing kam bis Wolfenbüttel." Das zweite Blatt mit dem Titel " Lessings Liebe,  endliches Glück und der Tod"  zeigt das Portrait von Lessings Ehefrau Eva und den Kalendereintrag:
" Freytag, 10.Januarius 1778, Meine Frau ist tot."  Im dritten Blatt " Lessings List, als man ihm das Maul verbot"  bezieht sich Dierk Haase auf Lessings Streit mit dem streng dogmatischen Hamburger Hauptpastor Goeze als Anlaß, den Nathan zu schreiben, weil ihm regierungsamtlich wegen staatsgefährdender Ansichten verboten worden war, den Religionsdisput öffentlich fortzusetzen." ...deshalb wieder auf die alte Kanzel, das Theater ..."   Und dazu eine Notiz im Kalender: "Habe ich dem Herrn Hauptpastor doch noch eins auswischen können." Und: "Ob das Stück wohl allgemeine Wirkung haben wird? Ich zweifle."  Die im Hintergrund zusammengestellten Google-Seiten zeigen allerdings mehr als 100000 Internet-Einträge zum Nathan.
Ebenso bezieht sich Leo Hüskes in seinem holzschnittartigen Blatt auf Lessings Rolle als Hofbediensteter: " Zum neuen Jahr bin ich in Braunschweig bei Hofe gewesen, und habe mit anderen getan, was zwar nichts hilft, wenn man es tut, aber doch wohl schaden kann, wenn man es beständig unterläßt: Ich habe Bücklinge gemacht und das Maul bewegt."
In einem weiteren Blatt ironisiert Leo Hüskes Lessings Transzendenzvorstellung aus der Schrift: "Wie die Alten den Tod gebildet",  als Bild des Todes doch lieber den himmlischen Engel und nicht das als irdischen Rest übrig bleibende scheußliche Gerippe zu verwenden. Das Problem wird gewissermaßen modernisiert, indem neben Gerippe und Engelspaar ein Atompilz gezeigt wird. Eine Atomexplosion könnte uns heute gleich direkt in atomisierter Form in den Kosmos schleudern.
Jürgen Schneyder zeigt in seinem Digitaldruck eine merkwürdig elaborierte, aber schrottreife, und augenscheinlich nicht wirklich funktionsfähige "Forschungsstation", und zitiert im dazugehörigen Textblatt aus Lessings "Die Erziehung des Menschengeschlechts" : " ...die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen macht den Wert des Menschen."
Welche Wahrheit mag wohl auf dieser Forschungsstation gesucht worden sein?
Ursula Vismann zitiert in ihrem Blatt " Tor in Jerusalem"  dann auch aus dem   Nathan den Satz: "So glaube jeder sicher seinen Ring den echten." , der auf der abgebildeten Holztür in hebräischer, lateinischer und arabischer Schrift zu lesen ist. Zufälligerweise ist die Tür mit drei ringförmigen Beschlägen versehen, - oder ist es vielleicht gar kein Zufall ? Ihr kalligraphisches Textblatt macht deutlich, dass schon der zwölfjährige Knabe Lessing  mutige Auffassungen von Humanität und religiöser Toleranz vertreten hat.
Dagmar Brand hat in zwei prägnanten farbigen Collagen gewissermaßen einen privaten Schlüssellochblick auf den Bücherfreund und Theatermann Lessing in seinem Gelehrtengehäuse gestaltet. Der  doch schon weise 37-jährige wußte um die Relativität von Wahrheiten und die Beliebigkeit in der Wertschätzung von Autoritäten, - je nachdem, wen man fragt. "Wollt ihr den klügsten Toren fragen: Wer ist der größte Mann? So fraget mich; ich will euch sagen: Wer trunken sie verlachen kann."
L.W.Donnan schließlich steuert eine Radierung bei, die zwei  heftig bewegte menschliche Figuren zeigt. Lessings zeichentheoretische Ausführungen im "Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie" setzen tänzerische Bewegung und Gebärde in der Unmittelbarkeit ihrer Wirkung weitgehend mit den elementaren Gestaltungsmitteln Form und Farbe in der Malerei gleich. Körperlicher Ausdruck ist natürliches Zeichen von willkürlichen Dingen, - hier ist Lessing der modernen Semiotik nahe, die z.B von Denotation und Konnotation spricht. Dieser "Gruß aus Hannover" bezieht sich inhaltlich also nicht direkt auf Lessing.  Er ist zwar schon mal in Hannover gewesen, hat sich aber dort nicht um eine Anstellung bemüht und einen Rausschmiß riskiert, - so viel man weiß.

Zum Schluß noch Dank an unsere Unterstützer, an das Kulturbüro der Stadt Hannover und die HannoverStiftung, die  Werbeagentur ahlersheinel und auch an die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. Insbesondere aber Dank an Dierk Haase, der seit Monaten intensiv für die organisatorische Realisierung des Projekts gearbeitet hat..         

                                                        L.W.D. 13.8.2004
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