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Aus "Ullas Erinnerungen an das Jahr 1932"

1932 wurde ich 10 Jahre alt. 1932 gab es mehrere Wahlen, aber wir Kinder durften an Wahltagen nicht auf die Straße gehen, damit wir nicht in Schwierigkeiten gerieten. Meistens kloppten sich die Nazis mit den Kommunisten.
Unsere Dienstmädchen feierten immer noch Kaisers Geburtstag; sie schickten aber auch Geburtstagsglückwunschkarten an Hindenburg. Für die vielen Orgelmänner und Hinterhofsänger warfen sie Pfennige aus dem Küchenfenster, die in Zeitungspapier eingewickelt waren. Oft klingelten Bettler an der Wohnungstür. Sonntags gingen die Mädchen zur Lister Mühle und tanzten mit den Soldaten aus den umliegenden Kasernen. Weil unsere Hedwig einen kranken Mann hatte wurde sie entlassen. Als meine Mutter nun ein neues Dienstmädchen suchte, warteten lange Schlangen von Bewerberinnen im Treppenhaus und auf der Straße. Die meisten wollten "schlicht um schlicht" arbeiten, nur für Unterkunft und Essen.
Die Kriminalität war groß. An den Litfaßsäulen hingen Steckbriefe und Plakate mit Belohnungsversprechen für die Aufklärung von Straftaten. Es gab Unmengen Arbeitslose. Viele lungerten auf den Spielplätzen und in der Eilenriede herum.

Die Osterferien verbrachte ich bei meiner Tante Ellen. Sie war mit vielen Künstlern befreundet. Der Bildhauer Hantelmann hatte ein großes Puppentheater gebaut. In der Nacht zum Ostersonntag spielten er und seine Künstlerfreunde Goethes "Faust". Ich durfte zuschauen. Leider bin ich beim 2. Teil von Faust eingeschlafen.
(Das Puppentheater gehörte später der Stadt Hannover. Bei einem Bombenangriff wurde es vernichtet.)
Mein Vater durfte nicht allein ausgehen, darum schleppte er mich immer mit sich. Sonntags gingen wir zu Kunstausstellungen. Ich wollte so gerne ein Klebebild von Schwitters haben, aber mein Vater sagte: "Ach was, das ist keine Kunst. Das ist nur eine Modesache."
Zu jedem neuen Programm gingen wir ins Tivoli-Varieté am Schiffgraben. Manchmal fuhren wir zur Radrennbahn. Wir gingen auch in die Umkleidekabinen, weil mein Vater viele Fahrer kannte. Aber stank es fürchterlich. Die Boxkämpfe von Max Schmeling verfolgte ich mit meinen Freunden am Radio. "Rechter Haken, linker Haken!" Wir waren so aufgeregt, daß wir um uns boxten. Ich hatte hinterher immer blaue Flecke.

 

Meine Tante Selma war mit einem holländischen Juden verheiratet und betrieb mit ihm ein Tabakwarengeschäft an der Alten Celler Heerstraße. Die meisten Kunden kauften Zigaretten stückweise. Darum konnte Tante Selma die Reklamebilder aus den Zigarettenschachteln für mich aufheben. Ich hatte schon eine Serie Filmstars und eine Serie Schönheitsköniginnen beisammen. Als ich wieder einmal zu ihr ging, sah ich die Scherben ihrer Schaufenster auf der Straße liegen. "SA-Männer haben uns die Scheiben eingeschlagen!" empörte sich Tante Selma. Sie hatte keine Zeit, Zigarettenbilder für mich zu suchen.
Manchmal ging ich heimlich zu einem häßlichen Hof, auf dem viele Kinder spielten. Die meisten Väter hatten keine Arbeit. Ich kannte eins der Mädchen, mit dem ich aber eigentlich nicht verkehren durfte. Nachdem meine Eltern mir bei "Kinderherz" am Kröpcke meine neue Winterbekleidung gekauft hatten, schlich ich mich zu meiner geheimen Freundin. Sie jammerte: "Die Arbeitslosen kriegen jetzt viel weniger Geld. Mein Vater kann mir keinen Mantel kaufen. Dabei friere ich so!" Ich hatte gerade in einem Heiligenlegendenbuch gelesen, daß Sankt Martin seinen halben Mantel einem Bettler geschenkt hatte. Aber was sollte die Arme mit einem halben Mantel? Ich zog meinen neuen Mantel aus und verschenkte einen ganzem Mantel. Als meine Freundin mein Kleid bewunderte, zog ich auch das noch aus und gab es ihr. Im Unterrock wanderte ich nach Hause und fühlte mich dreifach heilig. Bis meine Mutter mich erblickte und gleich nach dem Rohrstock griff.
Als die überschwemmten Maschwiesen zugefroren waren, ging mein Vater mit mir zum Schlittschuhlaufen. Er wollte aus mir einen Olympiastar machen, darum zeigte er mir, wie man Bögen fährt und Pirouetten dreht. Nachdem ich zum fünften Mal auf das harte, kalte Eis geknallt war, verzichtete ich auf eine Olympiakarriere.
Nach der großen Silvesterballerei kam das Jahr 1933

 

Hans J.  Breuste

Siegfried Neuenhausen

Susanne Maaß

Gerd Piepenhagen

Leiv W. Donnan

Jürgen Schneyder

 

Leo Hüskes

Georgus

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